kmkb - Intimacy Coordinator - Ein neues längst überfälliges Berufsfeld in der Film- und Fernsehbranche

Intimacy Coordinator – ein neues, längst überfälliges Berufsfeld in der Film- und Fernsehbranche

Aktuelle Beiträge – 28/07/2022

Die Darstellung von Intimität braucht mehr Schutz als wir vielleicht denken

Mittlerweile kennen wir in Deutschland in der Film- und Fernsehbranche Hygiene-, Umwelt- und seit geraumer Zeit auch Coronabeauftragte. Diese zusätzlich qualifizierten Tätigkeiten werden bei den Entscheidern* in der Produktion bereits selbstverständlich mitbedacht. Längst überfällig war und ist ein Arbeitsbereich, der hierzulande bisher wenig Aufmerksamkeit erfahren hat und dank einer aktuellen Studie mehr in den Fokus der allgemeinen Diskussion gerückt ist.

Zu diesem Berufsbild und der damit verbundenen Ausbildungsmöglichkeit, fand eine Informationsveranstaltung mit anschließendem Panel unter dem Titel: „Ein neuer Beruf stellt sich vor: Intimacy Coordinating und die Professionalisierung der Darstellung von Intimität“, statt.
Ausgehend von einer Studie, die der Bundesverband Schauspiel e.V. (BFFS) unter Schauspielern* zu ihren Erfahrungen mit der Darstellung von Intimität, Nacktheit und sexualisierter Gewalt durchgeführt hat, bestätigte sich, dass die schauspielerische Arbeit in diesem vulnerablen Bereich oftmals ein Risiko für Grenzüberschreitungen beinhaltet. Um dieses Risiko zu minimieren bzw. zu vermeiden, bedarf es einer professionellen Begleitung, Beratung und Betreuung durch den Intimacy Coordinator am Set.

Denn, laut der Studie haben…

  • 4 von 5 weiblichen und etwa die Hälfte der männlichen Schauspieler* im Beruf Erfahrungen mit Grenzverletzungen, sexueller Belästigung oder sexualisierter Gewalt gemacht. Im Rahmen der Darstellungen von Intimität, Nacktheit oder sexualisierter Gewalt haben über die Hälfte der weiblichen Befragten mindestens einmal Grenzverletzungen erfahren, ebenso über 20% der männlichen Befragten.
  • Bereits während der Ausbildung haben 1 von 3 Schauspielerinnen und etwas mehr als ein Sechstel der Schauspieler bei der Darstellung von Intimität, Nacktheit und sexualisierter Gewalt Grenzüberschreitungen erlebt.
  • Jede zweite Schauspielerin und 1 von 5 Schauspielern hat Angst, keine Arbeit mehr zu bekommen, falls sie sich zu einem Vorfall äußern würden.
  • Fast 70% der Schauspielerinnen und ein Drittel der Schauspieler (35,2%) haben Angst, als schwierig zu gelten, wenn sie Details der Darstellung von Intimität, Nacktheit oder sexualisierter Gewalt nicht oder nur zu bestimmten Bedingungen zustimmen würden.
  • Die Mehrheit der Schauspieler* (71,7% weiblich und 59,3% männlich) hat selten oder nie das Gefühl, dass Mitarbeiter für den professionellen Umgang mit Intimitätsszenen oder Szenen mit sexualisierter Gewalt geschult sind. Und nur 10% der weiblichen und 16% der männlichen Befragten geben an, dass die Regie im Umgang mit Intimitätsszenen geschult ist.
  • Die große Mehrheit aller Befragten gibt an, insbesondere die männlichen Befragten mit fast 90%, bisher keine schriftlichen Regelungen zu intimen Szenen und Nacktheit gehabt zu haben.
  • Fast 9 von 10 Schauspielerinnen und knapp 8 von 10 Schauspielern finden den Einsatz von Intimacy Coordination sinnvoll.

Teil 1 der Umfrage zur Darstellung von Intimität, Nacktheit und sexualisierter Gewalt unter Schauspielern* des Bundesverband Schauspiel e.V. (BFFS)“ ist hier abrufbar.

Der erste Weiterbildungsgang zum Intimacy Coordinator im deutschsprachigen Raum wurde bereits von culture change hub mit Unterstützung des BFFS, dem Medienboard Berlin Brandenburg, der Moin Filmförderung, dem Österreichisches Filminstitut und Focal Schweiz durchgeführt.

Warum genau braucht es  Intimacy Coordination bzw. Intimacy Coordinators?

Intimacy Coordinators sind Partner* der Regie und der Schauspieler* mit dem Ziel, gemeinsam authentische und mitreißende Szenen zu erschaffen. Damit sich die Vision der Regie entfalten kann, ist es die Aufgabe des Intimacy Coordinators, Emotion und Beziehung mit den Schauspielern* präzise und detailliert zu choreografieren. Vom klassischen Filmkuss, über die Darstellung von leidenschaftlichem Sex bis zu Vergewaltigungen entstehen mit Hilfe des Imtimacy Coordinatings bewegende Szenen und gleichzeitig werden die persönlichen Grenzen und die private Sexualität der Schauspieler* geschützt.

Die Ausbildung zum Intimacy Coordinator findet in Kooperation mit dem Bundesverband Schauspiel e.V. (BFFS) statt, der hohe Qualitätsmaßstäbe ansetzt. Das Anliegen ist, die Teilnehmer* so gut wie möglich auf ihre Arbeit am Set oder am Theater vorzubereiten und sie mit dem Handwerkzeug für die optimale Unterstützung der Darstellung von intimen Szenen auszustatten.

Eine erste, allgemeine Übersicht über die Inhalte der Ausbildung

  • Choreografie für die Simulation von Intimität
  • Choreografie für die Simulation von sexualisierter Gewalt in Zusammenarbeit mit einer Stuntfrau oder einem Stuntman bzw. Kampfchoreograf*.
  • Hilfsmittel und der richtige Einsatz
  • Choreografie- und Bewegungs-Coaching
  • Körpersprache, Schauspielführung und Schauspieltechniken
  • Geschichte der Sexualität und kulturelle Unterschiede
  • Geschichte der Darstellung von Intimität im Film
  • Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Menschen mit Behinderung und LSBT*IQ
  • Zusammenarbeit mit Regie und Kamera
  • Closed Set Standards
  • Internationale Guidelines und Best Practice im Umgang mit der Darstellung von Intimität durch den gesamten Arbeitsprozess vom Drehbuch bis zur Postproduktion
  • Arbeitsrecht und Arbeitsschutz
  • Sexuelle Belästigung und Gewalt: Rechtliche Hintergründe, Schweigekultur und Prävention
  • Trauma-Awareness und psychische erste Hilfe
  • Berufsethos und Selbstverständnis
  • Teamarbeit am Set und im kreativen Prozess
  • Gewaltfreie Kommunikation und Konfliktmanagement
  • Selbstfürsorge
  • Gender, Diversity und Anti-Rassismus Training

Alle weiteren wichtigen Informationen zu dieser Ausbildung wie Voraussetzungen, Ablauf, Dauer, Kosten, etc. finden Sie unter diesem Link:

Zurück zur Veranstaltung, auf der über Risikobegrenzung und Prävention durch Intimacy Coordinating gesprochen wurde

Auch Teilnehmerinnen des neuen Ausbildungsganges, den sie bereits abgeschlossen haben, waren am 30. Juni 2022 auf dem Filmfest München anwesend, um von Ihrer Erfahrung zu sprechen.

kmkb - Veranstaltung Intimacy Coordinator am 30. Juni 2022 auf dem Filmfest München

Namentlich Anne Schäfer, Schauspielerin und Intimacy Coordinator, Katja Weitzenböck, Schauspielerin und Intimacy Coordinator, Chun Mei Tan, Schauspielerin, Schauspiel Coach und Intimacy Coordinator und Petra Fritzi Hennemann, Stunt Woman und Intimacy Coordinator.
Nach einem Grußwort der Festivaldirektorin Filmfest München, Diana Iljine, präsentierte die Schauspielerin und Vorsitzende des Bundesverband Schauspiel e.V. (BFFS), Leslie Malton die o.g. Umfrage.
„Unsere Umfrage unter Kollegen* macht uns nochmal deutlich, wie vulnerabel die schauspielerische Arbeit an diesen herausfordernden Szenen ist, so die Schauspielerin. „Und dass wir einen professionelleren Arbeitsrahmen brauchen, um Grenzverletzungen für Schauspieler* zu vermeiden.“
„Darstellungen von Intimität und sexualisierter Gewalt sind ein sehr verletzlicher Bereich und müssen als Choreografie verstanden und umgesetzt werden. Es muss keine erotische Stimmung erzeugt werden, um mitreißende Szenen zu kreieren. Gut ausgebildete Intimacy Coordinators sorgen für eine desexualisierte Arbeitsweise und die Sicherheit, dass innerhalb der professionellen Grenzen von Schauspielern* gearbeitet wird. Erst dann kann sich Kreativität wirklich entfalten“, so Barbara Rohm, Gründerin von „culture change hub“ und Leiterin der ersten Intimacy Coordinating Weiterbildung im deutschsprachigen Raum. Sie war ebenfalls anwesend und führte durch den Abend, inklusive der anschließenden Panelrunde, in der dann ein Schlaglicht auf den ersten Weiterbildungsgang im deutschen Sprachraum für Intimacy Coordinator von culture change hub geworfen wurde.

Davor kam Laura Rikard Intimacy Coordinator, Stage Movement Specialist und Co-Founder Theatrical Intimacy Education zu Wort. Sie wurde live aus den USA hinzugeschalten, wo das Berufsfeld schon längst in der Film- und Fernsehbranche etabliert und anerkannt ist. In einem äußerst authentischen Vortrag gab sie Einblicke in ihre Arbeit als erfahrener Intimacy Coordinator. Sie beleuchtete die Entstehungsgeschichte und die Arbeitsweise von Intimacy Coordinating. Laut ihr schütze Intimacy Coordinating nicht nur die Akteure* vor sexueller Grenzerfahrung, es schaffe auch, durch die gute Vorarbeit der Intimszenen, einen künstlerischen Mehrwert.
Im anschließenden, von Barbara Rohm moderierten Panel saßen Corinna Mehner, Produzentin und Geschäftsführerin blue eyes Fiction und Vorstand Allianz Deutscher Produzenten
Bernhard F. Störkmann, geschäftsführender Justiziar des Bundesverband Schauspiel e.V. (BFFS) und Rechtsanwalt, sowie die bereits erwähnte Schauspielerin, Schauspiel Coach und Intimacy Coordinator Chun Mei Tan, die uns zudem daran erinnerte, dass die Darstellung von Sexualität, nach wie vor einer heteronormativen Vorrangstellung unterworfen ist. Sie erweiterte das Thema durch die Wiedergabe von Erfahrungen, indem sie in diesem Zusammenhang beispielsweise von ethnischen Stereotypen berichtete, durch die sich bestimmte ethnische Gruppen bezüglich ihrer sexuellen Verhaltensweisen oder Vorlieben sehr oft mit haltlosen Vorurteilen und Aussagen anderer konfrontiert sehen. Live aus der Ferne zugeschaltet war Maren Lansink, Juristin, Themis Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt.

Bernhard Stöckmann ließ uns wissen, „Die Einführung von Intimacy Coordinating in Deutschland als professionelle Begleitung und Betreuung der schauspielerischen Arbeit bei Intim-, Nackt, bzw. Sexszenen halten wir für einen wichtigen Schritt, im Sinne der Prävention von Grenzüberschreitungen. Dabei ist uns wichtig, dass in der Weiterbildung für angehende Intimacy Coordinator ein hoher Qualitätsmaßstab angesetzt wird. Künftige Intimacy Coordinatoren müssen mit dem notwendigen Handwerkzeug für die optimale Unterstützung von Schauspielern*innen ausgestattet werden“.

Fazit

Es muss ein sicherer, vor allem auch rechtssicherer Raum geschaffen werden, in dem Schauspieler* durch einen professionellen Umgang aller Seiten in ihrer Arbeit frei von Erfahrungen mit Grenzverletzungen sein können.

Keiner* darf zudem Angst davor haben, seine Arbeit zu verlieren, wenn er* sich zu Vorfällen äußert. Zukünftig soll es idealerweise durch den Einsatz von Intimacy Coordinatoren erst gar nicht mehr zu Grenzüberschreitungen dieser Art kommen.

Auch wir werden von Schauspielern* im Rahmen der Beratung aufgesucht (meist von weiblichen), die am Drehort oder bei Castings sexualisierte Grenzüberschreitungen erlebt haben, sich aber scheuen, diese in der Branche öffentlich zu machen. Durch die Kampagne #metoo ist die Öffentlichkeit sensibilisiert worden. Die künstlerische Arbeit am Set scheint davon ausgenommen.

Müssen wir vielleicht die Arbeit eines Schauspielers* neu betrachten?

Warum gehen wir davon aus, dass ein professioneller Schauspieler* es automatisch liebt, an seine Grenzen zu gehen? Was für ein Bild haben wir von einem Schauspieler*? Er unterhält, bringt uns zum Lachen, hält uns den Spiegel vor. All das schafft er, indem er sich vor uns auszieht, sich nackt macht. Ist das Handwerk? Wo hört Spiel auf, wo fängt körperliche Grenzüberschreitung an?

Mit diesen Fragen werden wir in unserer Beratung konfrontiert und wir sind froh, dass sie endlich Gehör finden.

In eigener Sache

Aus aktuellem Anlass und der Sorge, dass Filmproduktionen wegen des Fachkräftemangels in der Zukunft vielleicht nicht umgesetzt werden können, schaffen wir auf unserer Webseite kmkb.de nach und nach einen Überblick zu den Berufsbildern der Film- und Fernsehbranche.

Auch zukünftig wird die Beschäftigung mit vorhandenen und neuen Berufsbildern, besonders durch den Wandel der Digitalisierung, stark in unseren Fokus rücken.

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