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Hörspielautor Stefan Richwien. Berufe im Wandel

14/10/2023

Hörspielautor Stefan Richwien hat als Medienschaffender Dekaden der Metamorphosen Deutschlands miterlebt, …

… über die Anfänge des digitalen Zeitalters in den 1990er Jahren bis hin zur Streaming-Ära unserer Zeit. Im folgenden Portrait zeichnet sich ein Bild eines über die Jahre mit viel Humor und Weisheit Gewappneten, der es verstand, seine Hörerschaft zu fesseln. Eine gute Geschichte zu erzählen, liegt ihm am Herzen. Stefan Richwien gibt Einblicke in die damaligen Produktionsbedingungen, in die Grundlagen seines künstlerischen Schaffens und findet kritische Worte zum Bildungsauftrag der Rundfunkanstalten Deutschlands.

Stefan Richwien wurde 1947 in Weißenburg geboren und lebt als freier Autor in München. Er hat Hörspiele für Kinder und Erwachsene, Erzählungen und Features geschrieben. Zudem zwei Drehbücher, von denen eins verfilmt wurde. Ein Großteil seines produktiven Schaffens fand in kreativer Zusammenarbeit mit seiner Lebenspartnerin Heidi Knetsch statt, ebenfalls Hörspielautorin, die 2021 verstarb.

Groß geworden ist Stefan Richwien in einer Familie mit mehreren Brüdern, in der auch durch Großeltern, Onkel und Vater immer ein gewisser literarischer Faden gespannt war. Sein Vater zum Beispiel hatte nur die Volksschule absolviert, war aber schon mit den Sachen, die er damals schrieb, hoch über dem, was man heute als Grundschul- oder Mittelschulniveau versteht. Laut Stefan Richwien waren die Sachen, die sein Vater geschrieben hat, immer außergewöhnlich. Ein gewisses Talent hat er wahrscheinlich von ihm geerbt, meint er. Denn schon im Gymnasium hatte er ungewöhnlich viel Zuspruch von seinen Deutschlehrern erfahren. Dennoch konnte er sich nach dem Abitur erst einmal kein Schriftstellerdasein vorstellen.

Sein Studium begann er mit einer klassischen Kombination, nämlich Germanistik, Theaterwissenschaft und Zeitungswissenschaft. Heute würde es Medienwissenschaft heißen. Dass es damals Zeitungswissenschaft hieß, hat historische Gründe. Bereits nach einem Semester wechselte er zu Soziologie. Das war damals üblich, Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre, zur Zeit der Studentenbewegung. Wer in die Studentenbewegung reingezogen wurde, wie er, der hat eher Soziologie studiert. Schon während des Studiums begann Richwien Prosa zu schreiben. Doch das verschwand alles in der Schublade. Sowie er sein Studium 1978 beendet hatte, stand er da, „also was mache ich jetzt? Ich habe ein relativ gutes Diplom geschrieben, hätte also auch berufstätig werden können. Bloß, also irgendwie aus dieser Vorstellung heraus, irgendwie zu schreiben, also Literatur zu machen“, das konnte er sich noch nicht vorstellen.

Die Lehrjahre als Hörspielautor

Und dann gab es einfach nur einen großen Zufall, der im Grunde alles in die Wege gebracht hat, worauf es dabei ankam. Ein Bekannter hatte ehemalige Kommilitonen zu sich eingeladen und gesagt, er habe ein Hörspiel geschrieben und dieses Hörspiel habe einen sehr renommierten Preis gewonnen, nämlich den Deutschen Hörspielpreis. Bei der Vorführung wurde bei Stefan Richwien eine alte Liebe wieder erweckt. Er fand das betreffende Hörspiel hochinteressant, sehr gut gemacht, sehr preiswürdig. In einer Zeit, in der es noch kein Fernsehen gab, hat man Hörspiele, überhaupt viel Radio gehört. Damals, in den 1950er, 1960er Jahren, hat sich die ganze Familie vorm Radio versammelt und Stücke gehört wie Dickie Dick Dickens. Oder auch wirklich wunderbare Hörspiele von sehr renommierten Autoren*, Ingeborg Bachmann zum Beispiel, Erich Fried und vielen anderen.

Durch das Vordrängen des Fernsehens ist das Hörspiel zurückgedrängt worden, hat aber seine Bedeutung nie ganz verloren. „Da fing ich an zu sagen, ich versuche das mal, Hörspiele zu schreiben. Angeregt durch diese eine Vorführung. Zu dem Zeitpunkt, das war schon ein bisschen exotisch, da haben dann Freunde gesagt: ›Hörspiele, wer hört denn sowas noch?‹ Tatsächlich ist es so, das muss man sich immer vor Augen halten, dass ein Hörspiel ein weitaus größeres Publikum hat als ein Theaterstück. So ist es auch heute noch. Es gibt ausgesprochene Fans, inzwischen auch sehr viele Internetseiten, die sich damit befassen, die auch Empfehlungen aussprechen, die das ganze Spektrum anschauen und dann sagen, am Donnerstag in dem und dem Sender kommt dies und jenes. Wir haben ja Gott sei Dank noch eine ganze Menge von ARD-Anstalten, die nicht nur Hörspiele senden, sondern auch noch produzieren. Ich habe mich hingesetzt und habe mit dem Freund, mit dem ich das Drehbuch geschrieben hatte, ein Kriminalhörspiel geschrieben. Eine Geschichte um sehr viele Ecken rum. Das haben wir an den WDR geschickt. Und die haben sofort geantwortet, haben gesagt, sie würden das gerne produzieren, sie wollen bloß ein paar kleine Änderungen. Das haben wir also gemacht.“

Der Titel des Hörspiels war „Suchen sie Paul Koslowski“ (Erstausstrahlung 1983, u.a. mit Karl Lieffen und Otto Sander).
Es ist ein Spiel mit Realität und Einbildung, es hat mehrere Realitätsebenen. „Das hat uns damals wahnsinnig gefallen“, erinnert sich Richwien. „Aber wir haben dafür keine gute Kritik eingeheimst. ›Da merkt man mal wieder, was rauskommt, wenn zwei Germanistikstudenten zum Spinnen anfangen‹, lautete eine Kritik. Sie haben jedenfalls vermutet, dass wir beide Germanistikstudenten sind. Mein Co-Autor war Literaturwissenschaftler. Ich war nicht mal wirklich Germanistikstudent, sondern habe in Soziologie und Philosophie den akademischen Abschluss gemacht. Es war irgendwie so, im Sinne von ’der erste Versuch klappt gleich’. Und dann hatten wir uns überlegt, ob man noch eher kurze Stücke schreiben könnte, 15 Minuten lang oder so, und haben vier kurze Stücke an den Hessischen Rundfunk geschickt. Und der hat auch sofort ein Stück gekauft. Da haben wir beide gedacht, wunderbar, also es läuft (lacht). Man kriegt Geld für die Sachen, auch wenn es beim Rundfunk bei weitem nicht so viel ist wie beim Fernsehen. Drehbücher werden ungefähr um den Faktor 10 besser bezahlt.“

Plötzlich hatten sie Geld, aber dann ging nichts mehr weiter

Mit dem übersteigerten Ehrgeiz junger Leute versuchten sie erst einmal nur noch „ziemlich verrückte Sachen“ zu machen. Doch das kam nicht mehr an. Zwei, drei Jahre hat ihnen kein Mensch irgendwas abgekauft. Der Freund verabschiedete sich, sah keinen Sinn mehr darin. Doch bei Stefan Richwien half noch einmal ein Zufall: „Man muss dazu sagen, Drehbuch ist eine relativ heikle Sache, Filme sind sehr teuer. Man muss sehr prominent und sehr gut sein, dass man vom Drehbuchschreiben wirklich leben kann. Es ist tatsächlich sehr schwierig, irgendwas loszukriegen, und in dieser Zeit meiner Ratlosigkeit kam dann ein anderer Drehbuchautor auf mich zu, der sagte, er habe gehört, dass der Süddeutsche Rundfunk, damals noch SDR, kleine Hörspiele für Kinder produziere. Und zwar sehr viele. Die brächten jeden Tag ein kleines Hörspiel. Es ginge immer um irgendwelche Probleme, die für Kinder sehr relevant seien und ›das könnten Sie doch mal machen‹. Und da habe ich gedacht, ja, warum eigentlich nicht?“ Richwien hat selbst keine Kinder, fand es aber immer interessant, das kindliche Publikum, die Begeisterungsfähigkeit von Kindern für irgendwelche Geschichten. Wie gebannt sie dasitzen und zuhören. Das hat ihm immer sehr gefallen. Wie bei den Kasperl-Stücken, wenn die Kinder da richtig mitgehen.

Mit den kurzen Sachen, die er von diesem Zeitpunkt an schrieb, bekam er sehr viel Zustimmung vom SDR.
Der Sender hatte einen Kreis von ca. 20 Autoren, die diese Stücke schrieben. „Und für diese Autoren wurde jedes Jahr ein Workshop veranstaltet, mehrere Tage, wo man dann zusammen mit den Autoren und Regisseuren, anderen Autoren und auch mit denen, die es produziert haben, zusammensaß und Hörspiele vorgeführt und diskutiert hat. Diese Geschichten wurden sehr ernsthaft diskutiert, auch im großen Rahmen. Das hatte dazu geführt, dass ich im Grunde eine Grundausbildung im Hörspielschreiben erleben konnte. Davor hatte ich das intuitiv gemacht, habe Hörspiele gehört. Aber die eigentlichen Regeln kriegt man erst mit, wenn man in einem ganz offenen Gespräch mit anderen zusammen konfrontiert wird, mit kritischen Einwänden oder auch eben mit Lob. Das fand ich toll, wie das funktioniert.“

Der Beginn einer lebenslangen Zusammenarbeit und erste Hörspielpreise

Dadurch, dass es kleine Stücke waren, konnte man entsprechend viel schreiben. So konnte man auch wenigstens zum Teil davon leben. Stefan Richwien fing parallel dazu an, Computerhandbücher – das gab es damals noch –  zu redigieren. Diese wurden von Technikern geschrieben, die die Programme zum Teil übersetzt hatten. Die kamen damals alle aus Amerika. Sehr renommierte Programme, Datenbankprogramme, etc. Diese hatte Richwien nur redigiert, weil die Leute, die von Technik viel Ahnung hatten, von der Sprache nichts verstanden und dadurch oft unverständlich formuliert hatten. Diese Tätigkeit wurde zu seinem wirtschaftlichen Standbein.

In den 1990er Jahren kam dann als Co-Autorin Heidi Knetsch dazu. Seine damalige Lebensgefährtin. Heidi Knetsch hatte ebenfalls schon immer einen gewissen literarischen Ehrgeiz und fand es interessant, mit ihm zusammen „solche Sachen“ zu machen. Beide entwickelten sich tatsächlich zu einem großen Erfolgsduo. Sie begannen, große Hörspiele zu machen, die ein, zwei oder sogar drei Stunden dauerten. Verteilt auf zwei oder drei Wochen wurden sie ausgestrahlt. Und dann kam im Jahr 2000 der erste Hörspielpreis. Es kamen noch sechs weitere dazu, unter anderem auch ein internationaler, der in Bratislava in der Slowakei ausgelobt wurde, der sogenannte Prix Ex Aequo, der ein bisschen anders ist. Bei anderen Preisen wird die gesamte Produktion bewertet. Beim Prix Ex Aequo hingegen gab es zwei Preise: einen für die Produktion, also für Regie und Technik, etc., und einen für das Manuskript, für den Text. Heidi und Stefan gewannen den Preis für den Text. Sämtliche europäische Rundfunkanstalten hatten damals ihre Sachen dorthin geschickt und an dem Wettbewerb teilgenommen. „Wie immer waren die ganzen Skandinavier, Spanier dabei, Osteuropäer ziemlich geschlossen und lustigerweise auch einmal Ägypten, ich weiß nicht, wie das dazu kam. Wir haben diesen einen Preis gewonnen, das war dann die Pforte dazu, dass wir selber nichts mehr anbieten mussten, sondern die Rundfunkanstalten auf uns zugekommen sind und angefragt haben, ›wollt Ihr nicht mal dieses oder jenes machen?‹“

Primär ging es um Kinderhörspiele, die vielfach mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet wurden. Darunter war auch der Prix Ex Aequo, der Kinderhörspielpreis des NDR Rundfunkrats sowie zweimal der Kinderhörspielpreis der Stadt Karlsruhe, der anlässlich der ARD-Hörspieltage von einer Kinderjury vergeben wird.

Warum ein guter Regisseur die halbe Miete ist

Der Schwerpunkt ihrer Arbeit lag bei vorhandener Literatur, weniger bei Originalstoffen. Die Rundfunkanstalten waren sehr interessiert an bekannten Stoffen. So kam es beispielsweise, dass Stefan und Heidi sich auf Anfrage des damals noch existierenden SFB der sehr bekannten Geschichte des Zauberer von Oos angenommen hatten.

Zumindest die Hälfte dieses Buchs ist wirklich fabelhaft, gleitet dann aber in eine seltsame Fantasy-Welt hinüber. „Das hat uns nicht mehr so gut gefallen, aber die erste Hälfte war für uns ein ganz wunderbares Kinderbuch. Die Produktion eines solchen Hörspiels ist eine Geschichte, bei der sehr viele Leute mitwirken. Ganz entscheidend ist zum Beispiel die Besetzung. Das macht ein Besetzungsbüro, das für jede Rolle eine sehr genaue Vorstellung hat, wer für die jeweilige Rolle infrage kommt. Wir konnten zwar Empfehlungen geben, aber nur in zwei Fällen ist unsere spezielle Empfehlung auch realisiert – auch zum allergrößten Gelingen des Stücks. Es ist dabei immer eine Geldfrage. Es gibt Sprecher* oder Schauspieler*, die sehr hohe finanzielle Ansprüche haben. Die werden kaum genommen. Ausnahmsweise, zum Beispiel, bei der Harry Potter Reihe – das sind keine Hörspiele, sondern Hörbücher, wo ursprünglich der Münchner Hörverlag den sehr prominenten Rufus Beck engagiert hat. Wir sind öfter eingeladen worden zur Produktion, dass wir uns dazusetzen und Vorschläge machen können, aber wir haben immer gesagt, ›nein, das interessiert uns nicht. Macht ihr eures, wir machen unseres.‹ Und das hat sich als gute Idee rausgestellt. Ein guter Regisseur ist schon die halbe Miete. Man kann ein gutes Manuskript völlig versauen, man kann es völlig missverstehen, man kann ganze Szenen in den Sand setzen, das geht eben schon mit der Besetzung los. Oder es ist heute auch eine Geschichte, die man dem Wandel des Mediums des Hörspiels zuschreiben muss, dass heute zuweilen alles mit Musik zugekleistert wird, überall ist Musik drunter.“

Im Hörspiel ist weniger mehr

Es ist im Grunde eine Vorstellung, die irgendwann aufgekommen ist, dass das emotionale Moment des Hörspiels musikalisch ausgedrückt werden muss. Die technischen Möglichkeiten sind dazu heute sehr viel umfangreicher, man kann mit der Computertechnik sozusagen auf die hundertste Sekunde genau sagen, da kommt dieses Geräusch oder diese Musik rein. „Wir hatten ja eine ganze Zeit lang furchtbar überinszenierte Hörspiele. Im Studio ist da sozusagen alles vorgeführt worden, was an Möglichkeiten vorhanden ist. Dabei wurde übersehen, dass nach wie vor eine gute Geschichte die Grundlage ist. Das Zukleistern mit Geräuschen und Musik bringt nichts. Im Gegenteil, es ist so ablenkend von der Geschichte, dass gerade bei öffentlichen Vorführungen von Kinderhörspielen viele Kinder relativ schnell aufgeben und den Saal verlassen. Wenn dieses ganze Brimborium dabei ist, mit Musik und Geräuschen und Effekten zugekleistert, dann verlieren Kinder einfach das Interesse. Sie schalten ab und finden es langweilig.“

Sprache und Sprachverständnis im Hörspiel

Damit man im Hörspiel die Rollen gut unterscheiden kann, ist es sehr wichtig, dass alle an einer Szene Beteiligten unterschiedlich sprechen. Auch was die Art des Sprechens betrifft. Es wäre ein schwerer Fehler, in einer Szene fünf ungefähr gleichaltrige, geschlechtsgleiche Menschen reden zu lassen. Ideal wäre es, pro Szene maximal drei bis vier Leute, möglichst verschiedene Geschlechter und möglichst verschiedene Altersgruppen zu haben. Auch Massen-Szenen, wie z. B. bei einer Schulklasse mit vielen Kindern, sind problematisch und sollten vermieden werden. Bei Kindern ist es manchmal schwer zu unterscheiden, ob ein Mädchen oder ein Junge spricht, die Stimmen sind noch sehr nah beieinander. Wenn sie älter werden, elf, zwölf Jahre, dann geht das wieder, dann kann man Mädchen und Jungs einigermaßen gut unterscheiden.

Akustische Tricks für ein wirkungsvolles Hörerlebnis

Der Autor* schreibt bereits in das Drehbuch rein, was zu hören ist

„Als Autor* hat man schon eine gewisse Vorstellung, wie eine Szene inszeniert werden könnte. Es werden im Manuskript zum Beispiel ganz bewusst Momente für einen Musikakzent gesetzt. Das muss im Text auch vermittelbar sein, dass es in einer bestimmten Weise passt. Für Geräusche gilt das Gleiche. Nur ein Beispiel: Wir hatten in einem Stück über die Südpolarexpedition von Ernest Shackleton eine Szene, in der das Forschungsschiff vom Packeis zermalmt wird. Da gibt es nun einen Jungen, der als blinder Passagier auf dieses Schiff gekommen ist, sich dann versteckt hat und erwischt wird, aber da sind die schon auf hoher See. Sie können ihn natürlich nicht mehr aussetzen. Und diesem Jungen wird von einem Matrosen erklärt, wie das ist, wenn das Schiff im Packeis zerdrückt wird. Er verdeutlicht das mit einem „Schiffs-Zwieback“ in der Hand. Im Drehbuch steht dann drin, ’drückt den Zwieback zusammen und sagt: Und so geht das.’ Dann hört man das Bröseln. Das ist so ein typischer Moment, wo an die Stelle einer verbalen Erklärung ein Geräusch tritt.“

Das Problem ist, dass die Sachen, die man sich als Autor* vorgestellt hat, in der fertigen Produktion oft nicht so rauskommen. Zum Beispiel fließendes Wasser oder eine Meeresbrandung. Brandung ist im Radio etwas sehr Schwieriges. Wenn man irgendwo eine Brandung braucht, sollte man am besten im Archiv einen See finden, wo Wellen ans Ufer plätschern. Und dieses Geräusch lässt sich dann akustisch ein wenig aufblähen. Das hört sich dann vernünftiger an als eine echte Brandung, die sich im fertigen Hörspiel nur wie ein undefinierbares Rauschen anhört. Ein anderes Beispiel sind Windgeräusche – eine Herausforderung für jeden Tontechniker. Was in den Tonarchiven an Windgeräuschen vorhanden ist, hört sich oftmals nur wie ein dumpfes Grollen an.

Die Regeln des Geschichte-Erzählens im Hörspiel

In den früheren kleinen Hörspielen sollte es immer einen pädagogischen Ansatz, eine erzieherische Wirkung geben. Das war damals der Anspruch der betreffenden Redaktion des Süddeutschen Rundfunks. Eine verkappte Pädagogik also. Die Sendung war zweigeteilt. Es gab immer ein kleines Hörspiel für Kinder und im Anschluss daran eine Sendung für Erwachsene, in der das dargestellte Problem in irgendeiner Weise nochmal aufbereitet und diskutiert wurde. „So einen pädagogischen Ansatz haben wir später nicht mehr verfolgt. Wir haben eigentlich immer nur versucht starke, gute Geschichten zu erzählen“, betont Stefan Richwien.

Das bedeutet jedoch nicht, dass gute Geschichten jeden pädagogischen Anspruch zurückweisen. Sie werden oft verglichen mit der Reise des Helden. Eine bestimmte Entwicklung, die von A nach Z führt und die von sich aus sehr viel Aufmerksamkeit beansprucht, die eine bestimmte Spannung entwickelt, dass, wer angefangen zu hören hat, wissen möchte, wie es weitergeht.

Zu all diesen Regeln im Hörspiel kommen noch zusätzliche Regeln, die wirklich beachtet werden müssen – dass zum Beispiel eine Person, die szenisch nicht mehr präsent war, nach ungefähr vier oder fünf Minuten wieder neu eingeführt werden muss. Im Gegensatz zum Film fehlt ja ein optischer Wiedererkennungseffekt. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten. Diese Person spricht in einer bestimmten Weise oder wird wieder mit Namen genannt. Man hat bei weitem nicht die Möglichkeiten wie im Film, aber man hat andere Möglichkeiten, die im Film nicht gegeben sind, weil der Film festlegt, wie jemand aussieht. Während man im Hörspiel sehr raffinierte Methoden hat, um auch solche Vorstellungen oder Fantasien zu evozieren, wie jemand aussehen mag. Laut Stefan Richwien kann man das mit einiger Erfahrung erreichen, dass man sich regelrecht vorstellen kann, „das ist ein kleiner, verhutzelter Mensch, und das ist ein großer Mensch mit einem sehr machtvollen Auftritt. Und das ist jemand, der eher schüchtern wirkt und versucht, sich irgendwie anzupassen, damit er ja keinen Ärger kriegt. Es ist zum Teil eine echte Herausforderung, das so hinzukriegen, dass ein Hörer jederzeit informiert ist. Leider wird das oft nicht sehr gut beachtet, sodass nicht wenige Hörspiele erhebliche Orientierungsprobleme mit sich bringen.“

Hat sich die Hörerschaft über den Lauf der Zeit geändert?

„Es gibt jedes Jahr in Karlsruhe im großen Medienzentrum (ZKM) die ARD-Hörspieltage, auch für Erwachsene. Das geht über eine ganze Woche. Der Sonntag ist da meistens für Kinder reserviert. Die haben sehr große Säle, wo sie Hörspiele abspielen. Da kommen dann aus ganz Karlsruhe die Familien mit ihren Kindern. Das sind hunderte von Kindern. Und ich muss sagen, das sind alles so kleine, wirklich ganz clevere Typen, bei denen du wirklich merkst, die kommen aus einem Bildungsmilieu. Die auch tatsächlichen Bücher lesen. Und es sind vorwiegend mehr Mädchen als Jungs, muss man sagen. Aber das hat man auch beim normalen Leseverhalten. Ich glaube, die Buch- oder die Literaturwelt lebt zu 70-80% von den Frauen.“

Die Zweitverwertung von Hörspielproduktionen – eine finanziell unrentable Angelegenheit

Einige Produktionen von Stefan und Heidi  wurden auch auf Kassetten oder CDs gebracht. In der Regel waren es Hörspiele, die nach einem literarischen Text entstanden sind, wie zum Beispiel der Raritätenladen nach Charles Dickens. Die Geschichte des Polarforschers Shackleton, Gefangen im Packeis hieß das Buch von Christa-Maria Zimmermann, die diese historische Geschichte noch einmal für etwas größere Kinder erzählt hat. Oder beim Münchner Hörverlag ist der Zauberer von Oz auf CD erschienen. Leider gelten im Handel Hörspiele als schwer verkäufliche Ware. Immer im Unterschied zu Hörbüchern, wo ein Text, ein Roman oder etwas Ähnliches vorgelesen wird, haben Hörspiele immer den Ruf, ein bisschen Kassengift zu sein. „Man sagt, eine Auflage von 3.000-4.000 verkauften Exemplaren ›ist schon toll‹. Unser Zauberer von Oz wurde inzwischen knapp 18.000-mal verkauft. Und die Shackleton Expedition ungefähr 10.000-mal. Also hoch über dem normalen Schnitt. Beide Produktionen waren in der Presse sehr gut besprochen worden. Und jedes Mal, wenn sie im Radio wiederholt wurden, erschienen auf den einschlägigen Internetseiten entsprechende Empfehlungen.

„Aber man verdient mit solchen Zweitverwertungen fast gar nichts, selbst bei vergleichsweise hohen Auflagen. Es sind ja nur Cent-Beträge pro verkauftes Exemplar. Wenn man die Verträge abschließt, ist das einem als Autor auch relativ egal. Man weiß, man verdient damit kaum etwas. Das hat nur einen Sinn, weil diese Sachen eine gewisse zusätzliche Verbreitung haben. Grundsätzlich gibt es beim Hörspiel kaum jemanden, der davon reich geworden wäre. Man gilt schon als erfolgreich, wenn man mit den Erträgen halbwegs über die Runden kommt.“

Das Team Heidi und Stefan

„Das Erzählen von Geschichten ging so: Wir haben gemeinsam eine Art Grundstruktur festgelegt. Dabei haben wir zusammen schon mal versucht, die Szenen durchzugehen, also so geht es los, so geht es weiter, und so weiter, und haben manchmal auch so eine Art, ja so einen Ablauf versucht durchzuformulieren. Manchmal sogar schon mit kleinen Dialogfetzen. Jeder hat sich das rausgesucht, womit er gern anfangen würde. Ich war zum Beispiel mehr der Spezialist für Anfänge, und Heidi hatte andere Vorlieben. Und da hat sich jeder in sein Arbeitszimmer zurückgezogen und hat tagelang an seinem Part geschrieben, unter Umständen zwei, drei, vier Wochen, und dann irgendwann haben wir getauscht, haben gesagt, ›so jetzt gehört es dir‹. Dann hat der jeweils andere das gelesen. Davor hatten wir keinen großen Austausch, allenfalls die eine oder andere Diskussion über Grundsätzliches. Dann kam der besagte Austausch, und von jedem ist dann mehr oder weniger da reinredigiert worden.

Heidi hat manchmal meine Kinderrollen ein bisschen korrigiert und so weiter. Ich hatte es irgendwann auch besser raus, aber am Anfang hatte ich noch einigen Lernbedarf. Ich hatte bei ihr andere Sachen. Heidi war sonst eine ziemlich humorvolle Frau, aber beim Schreiben hatte sie komischerweise keine so lustigen Einfälle. Die komischen Sachen, die musste ich machen. Es gab schon eine Aufteilung, im großen Ganzen war das eigentlich immer sehr harmonisch, wir haben auch schon mal gestritten, aber es war nie heftig. Es gibt ein Geheimnis unserer Kreativität. Wenn wir nicht weitergekommen sind, sind wir in den Park in der Nähe gegangen und haben die Probleme im Gehen diskutiert. Berufshörpielautor zu sein ist wirklich was Seltenes. Die meisten gehen einem normalen Brotberuf nach und schreiben Hörspiele nebenher.“

Das Hörspiel als Medium in den 1990er Jahren

Wie hat sich die Arbeit im Laufe der Zeit verändert? Die Digitalisierung begann in den 1990er Jahren.

Die Digitalisierung ist sicherlich ein ganz massiver Faktor in diesem Prozess. Sie hat im Grunde alles verändert. Früher gab es im Hörspiel dieses sogenannte lineare Hören. Man wusste, abends um sechs Uhr kommt das Hörspiel so und so, man musste das Radio einschalten, dann hat man es gehört. Und wenn es vorbei war, dann war es vorbei, es sei denn, irgendjemand hat das Stück auf Tonband aufgenommen. Da gab es diese ganzen Medien nicht. Die ersten Zweitvermarktungen waren mit diesen kleinen Kassetten, den MCs (Musikkassetten), die technisch nicht besonders gut waren, aber es war immerhin eine Möglichkeit. Dann kamen die CDs und dann der Computer. Es ging dann los, dass engagierte Leute selbst ihre Hörspiele produziert und diese dann den Sendern angeboten haben. Es ist heute eine sehr lebendige Szene. Für Erwachsene gibt es sehr erfolgreiche Heimproduzenten, die in ihrem Keller ein Studio eingerichtet haben und mit ihren Freunden und Bekannten, zum Teil auch mit geschulten Sprechern von irgendwelchen Schauspielschulen, das ganze Hörspiel produziert haben, die entsprechende Datei an eine ARD-Anstalt schicken mit dem Angebot, das zu senden. Inzwischen gibt es für diese unabhängigen Produktionen selbst ausgeschriebene Wettbewerbe. Wer da gewinnt, wird dann eben auch von allen Sendeanstalten übertragen, verdient damit wirklich Geld. Durch diese digitalen Landschaften, die entstanden sind, wird das Kinderhörspiel von deutlich weniger Kindern wahrgenommen als vorher. Warum? Auch das Interesse von Kindern an Büchern ging stark zurück. Die sofortige Verfügbarkeit hat heutzutage einen besonderen Reiz.

Das heißt, dieses Einschalten zum Zeitpunkt der Ausstrahlung entfällt völlig. Die Entkopplung des Zeitmoments des Hörens spielt heute eine ganz gewaltige Rolle. Bei den Sendern ist es oft so, dass sie Kindersendungen auf attraktivere Zeitpunkte verlegen können. Zum Beispiel nachmittags um zwei Uhr ist für Kinder ganz unpassend, da kommen die aus der Schule und haben in der Regel keine Lust auf ein Hörspiel. Aber dadurch, dass die Sachen jetzt in vielfältiger Weise verfügbar sind, wird die Hörspiellandschaft zunehmend unübersichtlicher. Ehemals feste Strukturen werden aufgeweicht. Es ist äußerst schwierig geworden, überhaupt festzustellen, wer noch was hört. Man hat keinen Maßstab, wie noch beim Fernsehen, die Quoten.

Das Hörspiel als Medium im Zeitalter des Internets

YouTube zum Beispiel schöpft gerade auch im Hörspielbereich für Kinder ganz stark potenzielle Zuhörer ab. Wenn die betreffenden Kinder keine Eltern haben, die ein wenig auf den Medienkonsum ihrer Kinder achten, werden diese sonst wohin gelockt, aber eigentlich nicht auf Formate wie das Kinderhörspiel. Das hat auch einen direkten Einfluss auf die Arbeit eines Hörspielautors*.

In den Intendanzen der Rundfunkanstalten wird das Kinderhörspiel aufgrund dieser Phänomene oft auf die Seite geschoben. Deren Überzeugung nach wird das sogenannte Einschaltradio nicht mehr häufig genug genutzt und kann somit durchs Internet ersetzt werden. Doch wenn Stücke in der Weite des Internets untergehen, sind sie irgendwann verschollen, für Kinder gar nicht mehr zu erreichen. Kinder neigen vielmehr dazu, sich auf gut Glück durch ein unendlich großes Angebot zu arbeiten – und bisweilen bei Sachen hängen zu bleiben, die sie eher nicht anschauen sollten.

Was bedeutet das jetzt eigentlich für diejenigen, die Kinderhörspiele schreiben? Vor allem: Es gibt wesentlich weniger Bedarf. Das kann man in Arbeitsplätze umrechnen. Der WDR hatte einmal 25 oder 30 Kinderhörspiele pro Jahr produziert. Inzwischen sind es, wenn überhaupt, nur noch zehn. Andere Sender haben auf ein bis zwei Kinderhörspiele reduziert. Sie sind nicht mehr bereit zu experimentieren. Das Wenige, das sie noch finanzieren können, muss sitzen.

Nochmal zurück zum „Hörerlebnis“:

Eine weitere Folge der Digitalisierung ist, dass sich die Arbeitsweise selbst verändert, denn man kann digital alles machen. Man kann Stimmen aufblähen, man kann bestimmte Nebengeräusche unterdrücken und in den Hintergrund schieben und so weiter. Solche Bearbeitungsmöglichkeiten gab es früher nicht. Da gab es nur das Mikrofon, das war auf den Sprecher gerichtet oder auf eine Gruppe von Sprechern. Und was sie dort reingesprochen haben, das war das Material. Damit ließ sich nicht allzu viel machen. Heute, in einem digitalen Studio, ist es relativ einfach. Man kann zum Beispiel ein ganzes Wort einfach rausschneiden und an einer anderen Stelle im Satz wieder verwenden. „Die Möglichkeiten der Manipulation sind gewaltig. Auch das verändert im Grunde die Arbeitsweise, weil in dem Augenblick, in dem ich diese Möglichkeiten kenne, ich natürlich auch als Autor versuche, solche Möglichkeiten zuzulassen, weil sie zum Teil sehr attraktiv sind. Es ist eine schöne Möglichkeit, dass man als Autor von vornherein das im Kopf hat, was alles digital möglich ist. Z.B. kann man auf die hundertstel Sekunde genau sagen, da brauch ich das Geräusch. Früher war das nicht möglich. Oder, früher war es schwierig, überlappende Dialoge zu machen. Das alte Hörspiel hatte damit große Schwierigkeiten. Da stand dann im Manuskript: ›Mann 1 sagt irgendwas, dann hört er zu sprechen auf‹, und dann steht dort: ›Mann 2 redet weiter‹. Eins nach dem anderen. In einem Digitalstudio dagegen können Dialogpartien übereinandergelegt werden, ohne dass wesentliche Informationen in einem akustischen Brei untergehen. Und Geräuschbibliotheken digitaler Art existieren weltweit. Die Tontechniker, Künstler und Musiker, die Hörspiele schreiben oder komponieren, sind über die ganze Welt vernetzt. Da gab es zum Beispiel einen, der für ein Hörspiel den Gesang von Walen brauchte. Das hatte er sich als besonderen Effekt vorgestellt. Er hat dann weltweit in dieser Community nachgefragt, wer ihm gute Walgesänge besorgen könne. Innerhalb kürzester Zeit hatte er die entsprechenden Dateien und konnte sich aussuchen, was davon für seine Zwecke am besten passte.“

Erfüllen die Medienanstalten den von den Ländern gesetzlich definierten Bildungsauftrag?

In diesem Fall, bezogen auf das Radio.

Die Konkurrenz ist überwältigend. Heute ist es garantiert, dass man irgendwo findet, was man sucht. Wenn es gar nichts gibt, dann auf YouTube oder auf irgendeinem anderen Kanal.

Die Privatsender müssen unterhaltsam sein. Es hat keinen Sinn, dass Sender, die von der Werbung leben, das Publikum abschrecken. Die Zuschauer wollen sich nach einem langen Arbeitstag nicht mit tiefgründigen Sachen befassen. So werden Fachdokumentationen in der Programmplanung immer weiter nach hinten geschoben. Ein ähnliches Schicksal erleiden Kultursendungen. Die öffentlich-rechtlichen Sender stehen unter Druck, müssen eine gewisse Attraktivität haben, sonst kommt irgendwann die Frage, „wieso brauchen wir das eigentlich?“ Es gibt genug Menschen, auch Politiker, die im Grunde den Status der Öffentlich-Rechtlichen in Frage stellen. Vor allem in Bezug auf den Zwangsbeitrag. Tatsächlich herrscht in den Funkhäusern eine gewisse Angst, die Redaktionen fühlen sich unter Erfolgsdruck. „Die Öffentlich-Rechtlichen machen fast durchgehend ein Programm für die etwas Älteren“, so Stefan Richwien. „Die Jugendlichen, die mit den digitalen Möglichkeiten aufwachsen, lockt man, mit wenigen Ausnahmen, nicht mehr in diese Programme rein. Das heißt, dass wir allmählich eine relativ starke Überalterung des Publikums erleben. Ich denke, das ist ganz offensichtlich, dass der Bildungsanspruch, ich will nicht sagen, völlig auf der Kippe steht, das wäre übertrieben, aber dass es zunehmend schwerer wird für die Rundfunkanstalten, weil sie einer enormen Konkurrenz ausgesetzt sind und irgendwie auch doch Quote machen müssen. Das würde nie ein Redakteur behaupten, dass ihm das völlig wurscht ist, wie viele Leute irgendwas anschauen. Durch diese riesige Vielfalt kommen sie unter Druck, durch den digitalen Wandel, der digitalen Medien, dass alles jederzeit verfügbar ist.“

Sind Hörbücher und Podcasts eine gute Ergänzung zum Hörspiel?

Hörbücher haben eine ausgesprochen gute Konjunktur. Sie sind kein Randphänomen. Sie verkaufen sich zum Teil recht gut. Das sind in der Regel Romane, manchmal auch Gedichte oder auch Sachbücher, die nicht fürs Lesen, sondern fürs Zuhören gemacht werden. Sehr viele gute Romane kommen als Hörbücher, genau wie auch viele Krimis. Oft allerdings in gekürzter Form. Auch Mundartgeschichten. Jörg Maurer zum Beispiel, der eigentlich auch Kabarettist ist, hat Krimis geschrieben, die alle in Garmisch-Partenkirchen spielen. Dieser Jörg Maurer also hat seine Krimis selbst eingelesen und sich damit auch als ein genialer Imitator von verschiedenen Dialekten erwiesen. Da merkt man, dass das Hörbuch auch etwas kann, was beim Lesen wegfällt. Wenn es in einem Buch heißt: „Ein Allgäuer sagt dies oder jenes“, dann liest man es nicht auf Allgäuerisch, sondern als einen normalen deutschen Text. Dagegen bietet das Hörbuch wirklich wunderbare Möglichkeiten.

„Das Hörspiel stirbt im Augenblick noch nicht aus, aber es ist so schon ein bisschen im Pflegebett“

Das Wort „aussterben“ ist vielleicht nicht ganz richtig. Es gibt nach wie vor die großen Fans. Wenn man zum Beispiel im ZKM die Hörspieltage besucht, da werden die großen Säle mühelos gefüllt. Da sitzen die Leute und lauschen. Es sind immer noch genügend Fans da, die sich die Sachen anhören, aber: die Produktionen werden immer weniger. Und da oftmals von vornherein eine Zweitverwertung angestrebt wird, orientiert man sich gern an erfolgreicher Literatur. Da gibt es dann zuerst das Buch – und dann das entsprechende Hörspiel. Das führt dazu, dass das Originalhörspiel ein Problem hat. Auch experimentelle Sachen haben es schwer. Kurz: Das Hörspiel stirbt noch nicht, aber es liegt schon ein bisschen im Pflegebett. Die Konkurrenz zur digitalen Vielfalt und die damit einhergehende Veränderung des Medienkonsums haben eine ganz neue Unterhaltungskultur geschaffen. Während früher das Hören eines Hörspiels auf einer bewussten Entscheidung beruhte und sich zu einer persönlichen Kunsterfahrung verdichtet hat, besteht nunmehr die wachsende Gefahr, dass die Nutzung der digitalen Medien weniger auf bewussten Entscheidungsprozessen beruht, sondern durch die Logik undurchschaubarer Algorithmen gesteuert wird.

„Deswegen fanden wir es großartig, wie Joanne Rowling diese Harry-Potter-Bücher geschrieben hat. Nicht die Bücher als solche, sondern es ging um was anderes. In den Kinderfunkredaktionen wurde nämlich zunehmend über die vermeintlich begrenzte Aufnahmefähigkeit von Kindern diskutiert – dass sie kaum länger als drei, vier Minuten bei einer Sache bleiben könnten und dann etwas Neues bräuchten. Deshalb sollten unsere Beiträge möglichst kurz sein. Doch dann kam Harry Potter mit richtig dicken, mehrere hundert Seiten langen Büchern. Das hat uns wunderbare Argumente gegen den vermeintlichen Zeitgeist geliefert. „… Dann konnten wir in Redaktionssitzungen sagen: ›Wenn ihr bloß dieses schnell konsumierbare Zeug macht, diese literarischen Gummibärchen, dann erntet ihr genau dieses Verhalten, dass Kinder einfach nicht dranbleiben, ständig Abwechslung brauchen. Macht irgendwie was Tolles, erzählt gute Geschichten!‹

Das ist übrigens auch für uns dann wesentlich geworden: gute Geschichten zu erzählen und möglichst weg von allem, was sich sehr leicht konsumieren lässt. So einen schnellen Effekt, das wollten wir eben nicht mehr und haben auch sehr lang an unseren Sachen gearbeitet.“

Danke an Stefan Richwien!

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